Ewa Cop

*25. Dezember 1974

+ 10. März 1988 Rezszów / Polen


Ewa (Eva) Małgorzata, Tochter von Stefan und Sophia Cop, wurde in der Heiligen Nacht 1974 geboren. Für den 14. Geburtstag 1988 hatte sie in ihren Kalender schon im Vorhinein eingetragen: „Am 25. Dezember 1974, an Weihnachten, wurde um 1.45 Uhr ein unausstehliches Mädchen geboren. Unser HERR JESUS wurde auch an diesem Tag geboren.“

Ewa erlebte ihren vierzehnten Geburtstag nicht. Ganz plötzlich hatte ihr Herz versagt, vollkommen unerwartet. Sie wurde 13 Jahre und zwei Monate alt. Am 10. März 1988, einem Donnerstagabend, ging sie in einem Krankenhaus der südost­polnischen Stadt Rezszów in die Ewigkeit.

Ihre Mutter, Sophia Cop, ihre Schwester und ihr Bruder standen starr am Bett Ewas, fassungslos angesichts dieser Situation. Man konnte nichts tun, nur warten. Worauf? „Ich konnte noch nicht einmal um ein Wunder bitten“, erinnerte sich die Mutter. „Alles geschah sehr schnell, ich merkte es nicht, wie der Nachmittag zum Abend wurde. Die Ärzte waren hilflos, konnten nicht einmal Blut vom Finger abnehmen. Ewa lag im Krankenbett mit geschlossenen Augen. Man spürte ihr Lebensende nahe.“ Wenn sie nicht an die Krankenhausgeräte angeschlossen gewesen wäre, hätte man denken können, dass das Mädchen einfach schlief. Nur als sie ihre Mutter in den Raum eintreten spürte, öffnete sie kurz die Augen. Ewa wartete auf ihre Mutter, begrüßte sie mit einem Blick und wurde wieder ganz ruhig.

Eine Ärztin erklärte, man versuche noch, dem Mädchen eine Spritze ins Herz zu geben. Bei den Angehörigen im Zimmer glimmte wieder ein Fünkchen Hoffnung auf: Vielleicht gelingt es, vielleicht wird morgen wieder alles sein wie früher?

Die Mutter merkte nicht, wie die Zeit verging und nahm auch nicht wahr, dass Ewa ganz still heimging. Eine Ärztin sprach sie dann an: „Stehen Sie doch nicht so da. Ewa starb schon vor einer Weile!“

Ewa Cop war lediglich einen Tag krank. Freunde erinnerten sich, wie sie noch am Montag auf der Eisbahn mit Ewa zusammen waren. Sie fuhr gerne Schlittschuh und konnte es wirklich gut.

„Am Dienstag, dem 8. März, nahmen wir an der Abendmesse teil“, erzählte die Mutter. „Es gab keinerlei Anzeichen, dass mit Ewa etwas nicht in Ordnung sei.“ Am Mittwochmorgen bereitete die Mutter wie gewohnt das Frühstück vor und ging zur Arbeit in den Laden, wo sie tätig war. Bereits um sieben Uhr rief Ewa dort an und sagte der Mutter, sie fühle sich nicht wohl und habe etwas Fieber. Die Mutter bestärkte sie, lieber zu Hause zu bleiben und nicht zur Schule zu gehen.

Als am Nachmittag  ihr Bruder nach Hause kam, bat Ewa ihn, ihr Tee zu machen, und er wunderte sich: „Kannst du ihn dir nicht selber machen?“ Er glaubte nicht, dass es seiner Schwester nicht gut ging, und unterstellte ihr „Du gibst das nur vor, weil du wahrscheinlich keine Lust hattest, in die Schule zu gehen!“

Am Abend stellte die Mutter fest, dass Ewa sogar das Frühstück nicht gegessen hatte. Warum? – „Mama, ich kann nicht aufstehen, die Beine tun mir so weh.“ Die Mutter half ihr ins Bad zu kommen und ging, um Tee zuzubereiten.  Plötzlich hörte sie einen Krach im Bad, Ewa lag auf dem Boden. Sie hatte sich kämmen wollen und die Hände hochgehoben – und war ohnmächtig zu Boden gefallen.

Die Mutter legte sie ins Bett und holte eine Nach­barin, eine Krankenschwester. Diese gab Ewa ein Herzmittel, so dass sie sich erholte und sogar rote Wangen bekam. Etwas grob riet sie dem Mädchen, nicht so lange mit den Büchern rumzusitzen. Sie solle wie andere sich in der Disko vergnügen. „Wozu brauchst du das alles? Du machst die Schule fertig, suchst dir einen Mann...“ Ewa schaute erst die Nachbarin, dann die Mutter an und sagte leise: „Ich werde erwählen; Mama, du weißt wen!“. Ein geheimnisvolles Wort, das wohl die Erwählung des Bräu­tigams CHRISTUS meinte, also einen Weg als Ordens­schwester.

Es kam der Donnerstag. Am Morgen ging die Mutter wieder zur Arbeit; die Nachbarin versprach, nach Ewa zu schauen. Gegen zehn Uhr meldete sie, es sei alles in Ordnung. Doch gegen Mittag rief sie nochmals an und sagte aufgeregt: „Komm schnell heim, Ewa geht es schlechter. Wir müssen wohl einen Krankenwagen bestellen.“

„Als ich nach Hause kam, fasste Ewa nach meiner Hand und sagte: ‚Mama, ich werde doch nicht sterben, nicht wahr?’ - Wie kommt sie auf solche Gedanken? - dachte ich.“ Sie starb einige Stunden später.

 Ewa war das jüngste Kind in der Familie Cop. Die Mutter hielt Leben und Wesen ihrer Tochter für nicht ungewöhnlich und wollte auch nach dem Tod nicht groß davon reden. Doch auf einer Pilgerfahrt bat sie einmal den Priester um eine heilige Messe für Ewa, und er for­derte die Mutter auf, von ihr zu erzählen. Das gab den Anstoß, dass auch Erinnerungen von Freundinnen, Lehrern, Bekannten, Nachbarn, Priestern und aus der Familie zusammengetragen wurden.

Nun erst erfuhr die Mutter, wer ihre Tochter wirklich war. Dass sie gut, ruhig, bescheiden war, wusste sie. Ewa klagte nie, dass sie die Kleidung der älteren Geschwister auftragen musste, sie legte auch keinen Wert auf Mode. Ein einziges Mal, als sie lange Zeit schon die Jacke ihrer Schwester getragen hatte, sagte sie, aber ohne Groll oder Vorwurf: „Mama, nächstes Jahr werde ich wohl eine an­dere Jacke brauchen; die Ärmel werden sicher zu kurz sein.“

Manchmal trug sie eine Hose, die die Freundinnen für unmodisch hielten. Doch wenn sie Ewa davon abbringen wollten, berührte diese das wenig. „Einmal toupierten wir ihr die Haare; sie sah fabelhaft aus“, so erinnerten sich Freundinnen. Doch Ewa sagte lächelnd: „Ich möchte nicht so aussehen“, und strich sich die Haare glatt.

Ewelina, eine Schulfreundin, beschrieb Ewa so: „Ewa hatte Sinn für Humor und war eine tolle Spielge­fährtin, wir spielten uns gerne gegenseitig Streiche – wie zum Beispiel, als Ewa und Agnieszka mich bis zum Hals in eine Schneewehe warfen. Anderseits war sie ernst, ehrlich und zuverlässig. Wenn ich ein Geheimnis gehabt hätte, hätte ich es Ewa anvertraut. Sie vermochte gut zu­zuhören. In der Schule fiel sie nicht besonders auf“ - schreibt Ewelina weiter – „allerdings dachten die Lehrerinnen nach, was so ein ruhiges Mädchen unter den Schülern macht. Manchmal dachte ich auch sogar, dass sie so etwas wie... besser als wir sei. Ewa gehorchte im­mer den Eltern, rebellierte nie, machte nie die Jungs an, obwohl einige in sie verliebt waren. Das tat ihr wie jedem Mädchen wohl, doch es bedeutete ihr nicht viel. Ewa wollte für jemand anderen schön sein“.

In einem Familienschrank bewahrte Ewa ihre „Schätze“ auf. „Mama, schaue mir bitte nicht da hinein“, bat sie. – „Warum?“ wunderte sich die Mutter, „hast du Geheimnisse vor mir?“ – „Nein, aber du könntest den Nachbarinnen alles weiter erzählen.“

Die Mutter schaute also nicht hinein und achtete die Privatsphäre ihrer Tochter. Ewa sammelte Zeitungsartikel über Mission, über das Leben der Kirche, über Klöster. In Heften schrieb sie Klosteradressen und Lebensläufe von Heiligen nieder. In ihrem Versteck befand sich auch Briefpapier, und da lagen drei schon adressierte Briefe, die sie nicht mehr hatte wegschicken können. Es zeigte sich, dass Ewa regelmäßig an Ordensschwestern schrieb und sich für die Mission interessierte.

„Ich hatte keine Ahnung davon“,  sagte die Mutter. „Wir waren nie übertrieben religiös. Ich arbeitete, mein Mann auch und er war oft weg. Wir hatten nicht viel Zeit dafür. Ich machte ihr aber abends immer ein Kreuz auf die Stirn. Als Ewa in der siebten Klasse war, kam ich spät nach Hause. Ich schaute nach ihr; sie saß auf dem Bett.

‚Warum schläfst du noch nicht?’ fragte ich etwas ärgerlich. ‚Mache mir bitte ein Kreuz auf die Stirn!’ bat sie. Ich erwiderte: ‚Papa ist doch da.’ – ‚Aber ich möchte es lieber von dir bekommen!’“

 „Manchmal“, so erinnert sich die Mutter, „überraschte sie mich. Einmal rief ich von der Arbeit aus zu Hause an; ich wusste, dass sie zu Hause sein müsste. Niemand ging jedoch ans Telefon. Ich fing an, mir ein bisschen Sorgen zu machen. Nach einer Weile versuchte ich nochmals und diesmal nahm den Hörer ab. Es stellte sich heraus, dass sie die ganze Zeit zu Hause gewesen war.

‚Warum bist du dann nicht ans Telefon gegangen?’ fragte ich ärgerlich. Sie antwortete leise mit einer Bitte: ‚Mama, ruf bitte nicht mehr um 15 Uhr an. Zu dieser Zeit bete ich.’“

Einmal kam die ältere Schwester Ewas mit ihren Kindern zu Besuch, und Ewa spielte mit ihnen. Da fragte die Mutter, wie sie selber in der Erinnerung zugab, etwas boshaft und provozierend: ‚Warum gehst du dann jetzt nicht beten? Es ist 15 Uhr!’“ Die Mutter wusste, dass sie dem Mädchen mit dieser Frage Unrecht tat. Es erwiderte aber ganz ruhig: „Mama, willst du, dass ich meine Fröm­migkeit zur Schau stelle?“


Auf die Rückseite ihres Erstkommunionsandenkens hatte Ewa Vorsätze aufgeschrieben:


„1. Kein Tag ohne Gebet.

2. Kein Sonntag ohne heilige Messe.

3. Immer ohne schwere Sünde.

4. Immer zum Glauben stehen.“


Der Vater war schon früher schwer verunglückt, während er zur Arbeit ging. Ewa trug schwer am Tod des Vaters. Sie fragte ständig den Pfarrer, ob der Papa erlöst sei.

„Neunzig Tage lang nach dem Unglück besuchten wir täglich die heilige Messe und beteten für ihn“, erzählte die Mutter: „Ewa achtete sehr darauf, dass wir keinen Tag ausließen und dass ich immer mitkäme.“

Etwa ein halbes Jahr vor ihrem Tod hatte Ewa einen Unfall in der Schule. Sie hielt einen Bleistift in Augenhöhe, und ein von der Tafel auf seinen Platz zurückkehrender Junge stieß so gegen ihren Arm, dass sie sich den Bleistift ins Auge schlug. Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Sie musste operiert werden, doch dazu war die Zustimmung eines Elternteils notwendig. Weil die Mutter an diesem Tag in ihrem Kleingarten arbeitete, konnte sie zwei Stunden lang nicht gefunden werden. Danach aber sagte die Ärztin, dass die Operation nicht nötig war. Als Ewa nach fünf Tagen zur Kontrolle kam, stellten die Ärzte fest, dass das Auge nicht nur geheilt war, sondern dass auch keinerlei Spur von dem Unfall zu sehen sei.

Offenbar hatte Ewa das in ihrem Briefwechsel einer der Schwestern mitgeteilt, mit denen sie in Kontakt war. Denn in einem Brief an Ewa schrieb die Ordensschwester Daria: „Ich freue mich, dass dein Auge schon gesund ist. Durch solche Ereignisse spricht GOTT zu uns. Ich freue mich, dass du das verstanden hast und deinen Schmerz und dein Leiden für deinen Papa aufgeopfert hast.“

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in einem solchen Moment und mit Schmerzen an andere Menschen zu denken“, kommentierte die Mutter.

Es war kurz vor ihrem Tod, als Ewa zum Pfarrer ging, um eine heilige Messe für ihren Papa zu bestellen, die am Fest der GÖTTLICHEN Barmherzigkeit, dem Sonntag nach Ostern 1988, gefeiert werden sollte.

„Gut, aber ich kann die Messe nur am Abend zelebrieren“, sagte der Pfarrer. „Am Morgen sind die heiligen Messen schon ausgebucht.“ Doch Ewa antwortete selbstbewusst und bestimmend: „Ich will nicht am Abend.“ – „Nun gut“, sagte der Pfarrer, „ich lege die Intention für die Pfarrgemeinde auf den Abend und nehme deine Messintention auf zehn Uhr.“ Ewa war glücklich.

Als der Tag dieser vorbestellten heiligen Messe dann kam, wurde sie nicht nur für den Papa Stefan Cop gefeiert, sondern auch für Ewa. Denn sie war dreißig Tage vorher gestorben.