Berta Baumann

*2. Januar 1922 Mannheim-Neckarau

+ 2. Februar 1935 Heidelberg



Ein behinderter Leib - doch ein wacher Verstand und ein gläubiges Herz

 

 „Bertl“, wie sie gerufen wurde, kam am 2. Januar 1922 in Mannheim-Neckarau zur Welt. Schon in den ersten Lebenstagen zeigte sich eine Behinderung: ihr Rückgrat und die Beinchen waren verkrümmt. Die Ärzte bemühten sich, heilende Maßnahmen schon beim Baby anzuwenden. So spannte man die gekrümmten Beinchen – um sie zu strecken – auf ein Brett und beschwerte die Knie mit einer Last. Ein Jahr lang hatte das Kindchen diese Tortur zu ertragen. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise in Deutschland. Die Mittel der Mutter für medizinische Behandlung waren bald erschöpft, sie fand aber glücklicherweise eine Beschäftigung in einem Krankenhaus, während die Großmutter und eine Tante Bertl betreuten.

Im 4. Lebensjahr kam Bertl in die orthopädische Klinik nach Heidelberg-Schlierbach und musste dort eine schmerzhafte Behandlung erdulden. Ärzte und Schwestern staunten, wie ruhig und geduldig dieses Kind blieb. Doch die Mutter musste ihr Kind ungeheilt wieder in das großelterliche Haus zurückbringen. Dann hatte sie ein Blasenleiden und Lungenentzündung durchzustehen, die zwar geheilt wurden. Aber auch Ärzte in Tübingen wussten keine Hilfe: Die Füße blieben schwach und krumm, die Muskeln kraftlos, das Rückgrat verbogen.

Das Mädchen besaß aber einen regen und klugen Geist, der sich früher als bei anderen Kindern entfaltete, obgleich es viel allein für sich war. Die Mutter brachte ihr einfache Dinge - ein Bilderbuch, Spielzeuge, eine Blume, religiöse Bildchen – als Zeichen der Liebe und zur Selbstbeschäftigung und ging auf die neugierigen Fragen des Kindes ein, um es geistig zu fördern.

Schon mit zwei Jahren konnte es eine Reihe von kleinen Gebeten und Versen. Die Mutter hielt sie an, diese mit guter Aussprache und mit Ehrfurcht zu sprechen. „Schau, du bist gar nie allein!“ – „Aber wie denn, du bist doch fort.“ – „Ja, Kind, ich muss fort, Brot verdienen. Aber GOTT schaut zu dir herunter, durch die Wand hindurch. GOTT hat helle Augen, heller als die Sonne, die alles  sehen.“ Einmal tröstete die Mutter sie: „Auch wenn du nicht zu JESUS in die Kirche laufen kannst, hört Er dein Gebet, es dringt bis in den Himmel, aber nur, wenn du ein reines, frommes Herz hast.“ Treuherzig antwortete die Kleine: „Mutterle, da will ich aber Acht geben. Bin ja sonst ein so armes Baumännle.“ Sie bat die Mutter auch, ehe sie zur Arbeit ging, ihr Gebetsanliegen vorzuschlagen, und betete dann vor ihrem kleinen Altärchen gewissenhaft dafür.

Die Mutter las ihr in der Freizeit oft von Heiligen vor. Bertl fragte manches nach. Das zeigte, dass sie in ihrem Inneren viele religiöse Gedanken bewegten. Besondere Freude hatte sie, wenn die Mutter sie manchmal am Sonntagnachmittag zu einem Spaziergang mitnahm – getragen oder im Wagen geschoben. Auf dem Heimweg  bettelte sie dann: „Noch schnell ein bisschen zum lieben GOTT und zu Maria in die Kirche!“ Mutter und Kind empfingen dann vor dem Tabernakel neue Kraft und Freude.

Einmal, als Bertl im Garten sein konnte, hörte sie, wie Kinder auf der Straße sie verspotteten. Auch Erwachsene redeten manchmal mitleidig-geringschätzig über sie. Das tat ihr recht weh. So meinte sie einmal zur Mutter: „Gelt, ich bin doch nicht arm, ich bin doch reich? Ich kann so für den lieben GOTT viel mehr Gutes tun. Ich habe mehr Zeit dazu, als wenn ich gesund wäre.“

 

Das Leben im Heim

 

Im Herbst 1929 entschloss sich die Mutter, ihr Kind in ein Heim zu geben, in dem es einen entsprechenden Unterricht und eine gute Ausbildung fürs Leben erhalten konnte. Es war das badische „Landeskrüppelheim“ Heidelberg-Rohrbach (so sagte man damals dazu!). Es fiel der Mutter nicht leicht, denn sie fühlte, dass sie damit jede Hoffnung auf eine Heilung aufgebe. In dem idyllischen Haus in Rohrbach wurde Bertl mit anderen behinderten Kindern von Mitgliedern der Gemeinschaft der Niederbronner Schwestern betreut.

Im Juli 1930 verließen die Kinder dann das liebgewonnene Heim in Rohrbach. Nach längeren Heimatferien sollten sie in das gerade fertiggestellte sogenannte „Wielandheim“ im Nachbarort Schlierbach ziehen. Bertl weilte zunächst also – zum letzten Mal – im Haus der Großmutter; der Großvater war inzwischen gestorben. Zu Hause fiel allen auf, wie viel Bertl in dem einen Jahr der Heimerziehung bereits gelernt und wie gut sie sich entwickelt hatte, trotz ihrer körperlichen Gebrechen. Am Ende dieser Ferien wartete das Mädchen geradezu ungeduldig auf den Einzug in das neue, gut eingerichtete Wielandheim.

Ins Leben der Schule und des Heimes fügte sich Bertl gerne und froh ein. Es gab Kinder, die laufen konnten, andere, die im Wagen geschoben wurden bzw. im Rollstuhl saßen. Bertl gehörte zu den Kindern, die sich selber nicht helfen konnten, die man z. B. ankleiden musste. Sie versuchte es aber selber immer wieder. Wie glücklich war sie, als sie eine Zeitlang allein die Strümpfe anziehen konnte. Auch beim Essen konnte sie mit ihren schwachen Händen allein nur langsam und wenig zu sich nehmen.

Die Kinder hatten, je nach ihrem religiösen Bekenntnis, an Sonn- und Feiertagen ihre GOTTESdienste. Bertl war immer gern im Kapellchen, und wenn an Wochentagen ein Priester da war, versäumte sie nie die heilige Messe. Oft betete sie auch allein vor dem Tabernakel. Sie wusste schon ziemlich genau, dass da JESUS wohnte, der himmlische Arzt der Kranken.

Beim Unterricht war sie ganz dabei; fleißig und aufmerksam gebrauchte sie dankbar ihre guten Anlagen. Ebenso hatte sie Spiel und Gesang gern. Trotz ihres „Häufele Elend“, wie sie sich selber oft nannte, konnte sie singen, lachen und mit den anderen fröhlich sein. Auch am Chorgesang beteiligte sie sich gern. Und an den Reigen und Tänzen der anderen hatte sie ihre helle Freude.

Ihre freie Zeit verbrachte sie gerne mit Lesen. Sie las beinahe die ganze Hausbibliothek aus, zuerst Märchenbücher, dann fast nur noch Lebensbeschreibungen von Heiligen und anderen vorbildlichen Menschen. Auch Musik, Hand- und Bastelarbeit wurden im Wielandheim gelehrt und geübt. Bertl konnte hier nicht mittun, doch in feinen Häkelarbeiten brachte sie es zu beachtlicher Fertigkeit.

 

 JESUS in der heiligen Kommunion

 

Bertl war nun acht Jahre alt, im zweiten Schuljahr. Im Katechismusunterricht war sie eine der besten Schülerinnen. Sie hatte erfahren, dass JESUS, der SOHN GOTTES, durch Sein freiwillig übernommenes Leiden die Welt erlöst und uns die Gnade der GOTTESkindschaft erworben hatte. In ihr erwachte die Sehnsucht, recht bald den HEILAND in ihr Herz aufnehmen zu können.

1930, am CHRISTKÖNIGSfest – das damals im Oktober begangen wurde -, horchte sie auf, als von der Vorbereitung auf die Erstbeichte und Erstkommunion die Rede war. Nach Aller­heiligen sollte der besondere Beicht- und Kommunionunterricht beginnen. Doch bald war sie tief traurig, weil manche meinten, sie sei noch zu jung. Da kam die Schwester Oberin dazu, der klagte sie ihr Leid: „Ist es wahr, Schwester Oberin, dass ich nicht beichten und kommunizieren darf?“ - Tröstend kam die Antwort: „Kind, du darfst bestimmt mitgehen. Der Herr Kaplan will dich dabei haben“

Der Beichtunterricht wurde zur Freude. Bertl betete nun jeden Abend und auch sonst oft in der Kapelle die Liebesreue: „HEILAND, sieh nicht auf meine Sünden, schau auf mein williges Herz!“ Vor Weihnachten durften sie zum ersten Mal das Sakrament der Versöhnung empfangen. Berta freute sich darauf und sagte: „Wenn man einen Sack voller Steine auf dem Buckel hat, dann ist man froh und dankbar, wenn einer ihn einem abnimmt!“

Eines Tages stellte Bertl dem Priester die Frage, wie sie denn am schnellsten ein gutes Kommunionkind werden und dem HEILAND dann recht nahe kommen könnte. Der Seelsorger empfahl ihr, besonders innig zum HL. GEIST zu beten. Er ist ja der Lehrer, der in alle Wahrheit einführt. So betete sie nun, indem sie sich in Gedanken mit der Mutter GOTTES und dem Schutzengel vereinte, täglich: „Gelt, HL. GEIST, Du hilfst auch mir, dass ich nicht den Mut verlier! Sende mir ins Herz hinein Deiner Gnade Sonnenschein!“

So betete sie nicht nur für sich, sondern auch für den Priester und dessen Arbeit mit den Erstkommunikanten. Einmal, als der Priester fast mutlos wurde, weil sich die Kinder so schwer taten, die Biblischen Geschichten, Gebete und Katechismusantworten aufzunehmen, sagte sie: „Herr Kaplan, wir sind zu dumm, uns kann bloß einer helfen: der HL. GEIST!“ Was sie selber an sich erprobt hatte, wollte sie anderen weiterschenken.

Der GEIST GOTTES wirkte wunderbar in ihrem Herzen. Bei einer Krippenfeier am Dreikönigstag sprach der Priester von der Aufgabe der Missionare, auch all den Menschen CHRISTUS zu verkünden, die Ihn noch nicht kennen. Seine Worte ließen Bertl ganz tief erfassen: Auch wenn man krank und hilflos, kann man viel Gutes tun und ein kleiner Missionar sein, indem man Pries­ter und Missionare durch Gebet und Leiden bei ihren Arbeiten für die Seelen unterstützt. Dieser Gedanke begeisterte Bertl, und sie merkte, wie ihr durch die Krankheit beengtes Leben weit wurde für die ganze Welt.

Was in diesen Wochen in Bertls Seele vor sich ging, weiß GOTT allein. Beständig wuchsen jedenfalls ihre Sehnsucht nach der hl. Kommunion und ihre Freude am HEILAND. Dem Un­terricht folgte sie mit großer Aufmerksamkeit. Nach der Stunde begaben sich die Kinder in die Hauskapelle, und vor dem geöffneten Tabernakel wiederholten sie in Gebetsform das Gehörte, sangen ein Lied und erhielten den Segen. Bertl selber weilte jetzt oft vor dem Tabernakel. Sie sagte sich: Hier wohnt JESUS. „O JESUS, ich hab Dich so lieb.“

Die Karwoche vertiefte noch einmal die Vorbereitung auf die Erstkommunion mit der hl. Messe von der Einsetzung des heiligen Opfers am Gründonnerstag, mit der Kreuzverehrung am Karfreitag. Dankbar küsste sie am Kruzifix, das ihr gereicht wurde, die Wunden des HEILANDS. Am Nachmittag durfte sie noch einmal das Bußsakrament empfangen.

So kam der Ostermontag, der 6. April 1931, der Erstkommuni­ontag im Wielandheim. Mit ihren Mitkommunionkindern zog sie in der Frühe in feierlicher Prozession in die geschmückte Kapelle. Jedes der Kinder hatte ein Gebrechen. Bertl beschloss in ihrem Rollstuhl den Zug. Ein anderes Kind trug für sie die Kommunionkerze, da sie zu schwach dafür war. In der Predigt sprach der Priester – der selber leidend war - zu den Kindern über das Wort JESU an die Emmausjünger: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in Seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26) und stellte die Verbindung zum Leiden der Kinder her. Der Priester fühlte sich gedrängt, zu sagen, dass das eine oder andere von den Kindern durch sein Leiden der Kirche mehr Segen bringen werde, als wenn es gesunde Glieder und ein langes Leben hätte. Dann kam der ersehnte Augenblick. Der Priester kam zu ihrem Rollstuhl und reichte ihr den Leib JESU CHRISTI. Am Abend dieses Festtages sagte Bertl zu einer Pflegerin: „Ich glaube, das war doch mein schönster Tag. Weißt, so schön kann es ja nicht immer sein, da müsste man sterben vor Freud’!“ Aber sie versprach dem HERRN, was auf einem Gebetsbildchen stand, das ihr geschenkt worden war: „Immer wie heute!“ Sie wollte den HEILAND immer mit dieser Sehnsucht, Liebe und Dankbarkeit empfangen. Dieses Wort „Immer wie heute! Mein Vorsatz fürs Leben. Treu im Leid! HEILAND, segne mich!“ schrieb sie ebenso wie das Wort CHRISTI aus der Erstkommunionpredigt auf.

 

„Wie GOTT will, ich halt still!“

 

In den letzten Wochen vor Ostern schien Bertl schon gesund­heitlich angegriffen zu sein. Bald danach nun erkrankte sie schwer. Ein Bub, der dasselbe Leiden hatte wie sie, war in der Karwoche gestorben. Man fürchtete, dass auch ihr Leben zu Ende gehe; so erhielt sie die heilige Krankensalbung. Fast täglich kam der HEILAND in der heiligen Kommunion zu ihr. Ihre Miterstkommunikanten beteten fleißig für sie. Bertl selber war ganz klaglos und gelassen. Heiter sagte sie einmal: „Gelt, Schwester, im Himmel brauche ich kein Korsett? Und wie ist’s mit dem Rollstuhl? Den lassen wir doch auch da unten.“ Die traurige Mutter tröstete sie: „Mutterle, nicht traurig werden; ich hab doch den lieben GOTT gebeten, dass ich vor Dir sterben darf.“ Doch es kam eine Wendung zum Besseren. Der Arzt meinte gar ermutigend: „Vielleicht lernst du jetzt noch das Laufen. Was meinst, würd’s dich freuen?“ „O, wenn ich das noch lernen könnte, das Laufen – einmal im Leben spüren, wie das ist – laufen -.“

Dem Priester gestand sie einmal: „Wissen Sie, Herr Kaplan, ich wäre doch so gern gestorben. Braver als am Erstkommuniontag kann ich fast nimmer werden, wo ich den lieben HEILAND so gern habe. Und ich will Ihn nicht verlieren. Nun kommen die und sagen mir, ich würde vielleicht noch das Laufen lernen. Schön wäre es schon, aber ich meine halt, das haben sie bloß so gesagt, um mir noch eine kleine Freude zu machen. Sterben – oder laufen – ein anderes gibt es doch gar nicht für mich.“ Der Priester suchte sie zu trösten: „Sei nur ruhig, Bertl. Du bist noch nicht gesund. Bet einfach ruhig weiter: Wie GOTT will, ich halt still. Es gibt noch etwas anderes. Aber erst musst du noch ein wenig kräftiger sein, dann sprechen wir darüber, gelt.“ In Bertls Herz arbeitete nun die Gnade, und als sie etwa eine Woche später wieder beichtete, fing sie von selber an: „Herr Kaplan, ja, ja, es gibt noch etwas anderes. Mit dem Sterben ist es nichts, mit dem Laufen-Können auch nichts. Was meinen Sie? Wäre es nicht vom lieben HEILAND besser, Er ließe mich noch ein paar Jahre leiden? Das haben Sie doch neulich gemeint.“

Da gestand ihr der Priester: „Kind, so ist es. Du hast es erraten. Leiden – aber anders als bisher. Nicht mehr allein und einsam. Leiden mit JESUS und für etwas Großes.“ „Das haben Sie am Ostermontag gesagt. Sie haben mich in der Predigt damals ganz fest angeschaut. Es ist ganz in mich hineingefahren. Nun helfen Sie mir recht fest, bitte!“

Der Priester tat es. Er wusste, dass dem Mädchen bei seiner schwachen Gesundheit nur mehr ein paar Jahre gegeben sein würden. Einer schlimmen Grippe und Lungenentzündung etwa würde ihr geschwächter Körper nicht standhalten können. Er sagte Bertl, die Zeit, die GOTT ihr noch schenke, sei eine Gnade. „In dieser Gnadenzeit musst du dir eine klare Lebensaufgabe stellen. Dann wird deine Seele noch viel schöner... Im treuen Opfer, in der Opferschule des HEILANDS, so meine ich, sollst du wachsen“ – wie es der hl. Paulus sagt, der auch viel gearbeitet und gelitten hat für JESUS: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir Ihn erreicht haben. Er, CHRISTUS, ist das Haupt.“ (Eph 4,15) „O, da müsst ich halt ein Apostel werden, eine Schülerin des HEILANDS; so ging’s“, antwortete das Kind.

In zwei Predigten in der Maiandacht, an denen Bertl teilnehmen konnte, war die Rede von der kleinen Maria Filippetto und vom gelähmten Mönch Hermann von der Insel Reichenau. Dies sprach Bertl an: „Ich hab’s, ich hab’s nun gefunden!“, rief sie aus. „Maria Filippetto ist ein gutes Vorbild, so ähnlich muss ich es anpacken. Sie hat für die Heidenkinder und die Missionare gebetet und geopfert. Das habe ich seit meiner ersten heiligen Kommunion auch immer getan. Und von Hermann dem Lahmen will ich täglich sein schönes Gebet ‚Gegrüßet seist du, Königin’ mit allen Kranken beten.“

Sie vertiefte sich in den folgenden Tagen in die Lebensgeschichte des italienischen Kindes Maria Filippetto [vgl. „GOTTES Kinder 5“, S. 24-35]. „Jetzt habe ich eine Aufgabe. All meine Leiden und Gebete für die Priester und Missionare und Heidenkinder. Das ist mein kleines Geheimnis.“ Auch vom Jugendheiligen Aloisius von Gonzaga wusste sie vieles und bemühte sich nach seinem Vorbild danach, mit festem Willen ihr Ziel anzustreben. Sein Leitwort „Was nützt mir das für die Ewigkeit?“ wandte sie ganz praktisch für sich an: „Was nützt mir das HEUTE für die Ewigkeit!“

 

„JESUS, alles für Dich!“

 

In den drei Jahren, die GOTT ihr noch auf Erden schenkte, trug sie nun mit großer Opfertreue ihr körperliches Gebrechen mit aller Geduld und nahm viele freiwillige kleine Opfer auf sich. Dabei verfiel sie keineswegs dem Irrtum, die Heiligen in allem sklavisch nachzuahmen. Sie fand in ihrer frühen Reife durchaus einen eigenständigen Weg, GOTTES Willen zu erfüllen, ganz wahrhaftig ihrem Wesen entsprechend.

Neben der Wahrheitsliebe prägte die Ehrfurcht die Haltung Bertls. Nie verlor sie GOTT aus den Augen. Jeden Tag gab sie sich kurz Rechenschaft. Sie führte ein kleines Tagebuch, das man nach ihrem Tod entdeckte. Darin steht zum Beispiel: „Heute bin ich ungeduldig gewesen, ich will es morgen besser machen.“ Am nächsten Tag: „Heute habe ich es besser gemacht. Ich danke Dir, JESUS, dass Du mir geholfen hast.“ Alle zwei Wochen ging sie beichten. „Heute gehe ich zur heiligen Beichte. Da will ich wieder mein Herz rein halten und mir Mühe geben, die nächste Woche es viel besser zu machen. Ich will für meine Seele arbeiten. Heute mache ich den Vorsatz: Wo ich bin und was ich tu, sieht mir GOTT, mein VATER, zu.“ – „Ich will heute wenigstens ein Opfer bringen aus Liebe zum HEILAND, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist.“ – „JESUS, alles für Dich. Lieber HEILAND, segne mich!“ – „Ich habe heute die heilige Kommunion für jene Menschen aufgeopfert, die nicht an den auferstandenen HEILAND glauben. Der liebe GOTT möge sie erleuchten, dass sie es einsehen.“ – „Heute bin ich etwas ungeduldig gewesen. JESUS, gib mir Deine Gnade, dass ich wieder geduldig mein Leiden ertrage.“

Vorbildlich war ihr Verhalten bei der hl. Messe. Gesammelt, im Gebet versunken, saß sie in ihrem Stühlchen an ihrem Stamm­platz gleich neben der Sakristei, die Augen unverwandt zum Altar oder auf die Monstranz gerichtet. Kein Sonntag ohne den HEILAND, war ihre Losung. Und wenn während der Messe damals kein anderes Kind zur hl. Kommunion ging, war sie beharrlich. Und sie blieb auch tagsüber mit JESUS vereinigt, weil ja jetzt wieder irgendwo auf der Erde eine hl. Messe gefeiert wurde. Diese Liebe und Ehrfurcht gegenüber JESUS übertrug sie auch auf die anderen. Sie achtete die Ärzte, Erzie­her, Schwestern und Priester und tat willig, was man ihr auf­trug. Sie übte einen guten Einfluss auf die anderen Kinder aus. Dabei war sie schlicht und zurückhaltend, wollte nicht auffallen, und strahlte trotz ihres Leidens eine beständige Heiterkeit aus.

Der alltägliche Lebensablauf Bertls wurde selten von außerordentlichen Ereignissen durchbrochen. Ein solcher Festtag war die Spendung der hl. Firmung in der Klinik am 3. Oktober 1932. Erzbischof Dr. Konrad Gröber von Freiburg im Breisgau firmte 21 Kinder des Wielandheimes. Bertl verstand die Stärkung mit dem HL. GEIST als besondere Sendung als kleiner Apostel JESU. Diese Aufgabe übte sie ihrer Situation entsprechend unter den anderen Kindern des Heimes aus, die ihr liebe Ge­schwister waren. Alle hatten ein Gebrechen. Es war ihr ein Bedürfnis, den anderen zu helfen. Sie tat das besonders durch ihr Beispiel. In vielen Fragen kamen andere zu ihr, weil sie einen hellen Kopf hatte und hilfsbereit Auskunft gab. Oder sie schlichtete Streitigkeiten. Wenn es einmal wüst herging, betete und weinte sie. Die Kinder sagten dann zueinander: „Die Bertl weint. Kommt, wir sind wieder gut!“.

Mit besonderer Freude übernahm sie 1931 bis 1934 die Betreu­ung der kleineren Beicht- und Kommunionkinder. Sie, die im Rollstuhl saß, spielte gern mit den anderen, indem sie in die Rolle der Schwester Oberin oder der Lehrerin schlüpfte und die anderen zum Lachen brachte, aber auch anleitete oder andere, die Angst oder Schmerzen hatten, ablenkte und ermunterte.

 

GOTT bereitet Bertl für das große Opfer

 

Bei der Weihnachtsbeichte 1934 hatte Bertl ein Anliegen: „Herr Kaplan, die drei Jahre sind jetzt vorbei. O, wie bin ich so froh! Was soll nun weiter kommen? Soll ich einfach so weitermachen im neuen Jahr...?“ Der Priester gab ihr den Rat, beim CHRISTKIND besonders um Gnade zu beten. „Ich meine, Es schenkt dir noch eine ganz große Gnade, bevor du heim darfst zu Ihm... Hast du Angst vor dem Sterben? Was meinst du, wärest du bereit?“ – „Vor dem Sterben fürcht’ ich mich kein bissel. Ich weiß ja, was dann kommt. Ich bin bereit, o ja!“ – „So stell’ dich Ihm ganz zur Verfügung! Wir sind in GOTTES Hand. Ob dein Leben noch mehrere Jahre dauert oder bald zu Ende geht im neuen Jahr 1933, Er weiß es allein. Nütze jeden Tag wie bisher aus, dann geht dir keine Gnade verloren, auch nicht die große Gnade. Vergiss auch die liebe Mutter GOTTES nicht zu bitten, Bertl.“

Zu Weihnachten brachte ihr eine Tante als Geschenk der Groß­mutter ein religiöses Kalenderbüchlein, den sogenannten „Manna-Kalender“. Die Manna-Zeitschrift war eine beliebte religiöse Kinderzeitschrift. Als Bertl in den kommenden Tagen die Broschüre durchlas, stieß sie auf ein Preisrätsel. Ein religiö­ses Wort, ein Spruch, war die Lösung, die sie herausbrachte. Sie schrieb die Lösung an die Redaktion, einen Pater in Berlin, und formulierte auf Anregung einer Schwester einen Brief dazu.

Darin heißt es unter anderem: „Ich bin ein 13-jähriges Krüppelkind und heiße Bertl Baumann, bin an beiden Beinen gelähmt und habe noch Rückgratverkrümmung, muss ständig im Wagen sitzen... Wie würde ich mich freuen, wenn ich (im Rätsel) das Richtige heraus bekommen hätte... Mein Missionsopfer ist mein Gebet und Leiden, das ich täglich für die Missionen aufopfere...“

Schon nach nicht einmal zwei Wochen erhielt sie einen schönen, ausführlichen Brief des Redaktionspaters. Er bestätigte die Richtigkeit der eingesandten Lösung – die Auslosung der Preise sei erst später. Der Pater ermutigte das leidende Kind und wies darauf hin, dass er selber an Schwerhörigkeit leide. Doch: „Sei nur überzeugt: Deine Krankheit gereicht Dir zum Heile... In der Ewigkeit werden wir erkennen, wie gut Er es mit uns meinte... Durch Gebet und Aufopferung unserer Leiden können wir ja auch viel mehr noch, als wenn wir gesund wären, zum Seelenheil anderer beitragen. Darum freut mich Deine Versicherung außerordentlich, dass Du Dein Leiden täglich für die Missionen aufopferst. Natürlich kannst Du damit auch andere gute Zwecke verbinden wie die Bekehrung der Sünder, die Wiedervereinigung Deutschlands im Glauben usw. Besonders möchte ich Dir auch die Heiligung der Priester empfehlen...“

Und der Pater legte Bertl ein Bildchen bei, auf dem der Gedanke des „Priestersamstags“ beschrieben war, und lud sie ein, diesen auch zu halten mit der hl. Kommunion und dem Aufop­fern der Gebete und Leiden dieses Tages für die Priester. „Es hängt so viel ab davon, dass die Kirche   h e i l i g e   Priester habe, damit durch sie auch das Volk geheiligt werde...“ Als Bertl den langen Brief durchstudiert hatte, war sie begeistert: „Ich habe das große Los gewonnen! Wenn ich jetzt auch gar keinen Preis mehr bekomme, habe ich den großen Preis be­kommen... Das mit dem Priestersamstag, das ist eine herrliche Sache, eine heilige Sache! ... Da mache ich mit!“

 

Bertl bietet JESUS ihr Leben für die Priester an

 

Der Brief hatte Bertl krank im Bett angetroffen. Sie hatte sich eine Erkältung zugezogen. Ein paar Tage hatte sie sich gewehrt, war am Samstag noch zum Beichten in der Kapelle, am Sonntag in der heiligen Messe. Am Dienstag in der Religionsstunde fiel sie vor Schwäche fast zusammen und musste ins Krankenzim­mer. Der Arzt kam wiederholt, die Krankenschwester war beständig um sie. Man hoffte, sie werde sich bald wieder erholen.

Der Gedanke vom Priestersamstag aber wirkte mit der Gnade GOTTES in ihrem Herzen. Es waren noch neun Tage bis zum nächsten Priestersamstag, dem 2. Februar 1935. Sie lud die Schwester ein, mit ihr eine neuntägige Andacht bis dahin zu halten. Und in ihrer Seele fasste sie den Entschluss: Nimm mein Alles für die Priester, nimm es an diesem ersten Priestersams­tag! Dem Beichtvater sagte sie vorerst nichts davon. Täglich betete sie nun im Krankenbett das Aufopferungsgebet für die Priester. Sie wollte von den Schwestern immer noch mehr über den Priestersamstag wissen. Doch niemand wusste bislang Nä­heres über diese neue Einführung.

Als der HERZ-JESU-Freitag kam, der 1. Februar, fasste Bertl Mut und fragte die Schwester Oberin, ob das der liebe GOTT wohl annehmen werde: Sie wolle an ihrem ersten Priestersamstag so gerne GOTT   ihr  Leben  anbieten  für  die  Priester. Die Schwester bejahte dies, ohne das Mädchen weiter zu bestärken. Frühmorgens hatte sie gebeichtet und die heilige Kommunion empfangen. Den ganzen Tag war sie gesammelt im Gebet. Niemand im Haus dachte, dass Bertl sich von ihrer Erkältung nicht wieder erholen würde. Sie aber wiederholte ihre Bitte an GOTT: „Nimm mein Leben für die Priester!“

Der HERZ-JESU-Freitag ging ruhig vorüber. In der Frühe des Samstags trat eine leichte Wendung zum Schlimmeren ein; mehrmals musste sie erbrechen. So gern wollte Bertl den großen Opfertag mit der heiligen Kommunion beginnen, zudem war es ja Maria Lichtmess. Nun aber konnte sie am Morgen nicht kommunizieren, auch musste der Kaplan nach der hl. Messe gleich weg zu einem Schwerkranken.

Bertl betete zwischen den Gesprächen mit der Schwester Oberin immer wieder den Akt der Aufopferung. Man betete mit ihr die „geistige Kommunion“ (die Bitte an JESUS, sich mit aller Gnade geistiger Weise zu schenken, wenn der wirkliche Kommunionempfang nicht möglich ist). Die Schwester Oberin ver­tröstete das Kind auf später und meinte: „Vielleicht will der liebe GOTT gerade dieses Opfer von dir haben heute Morgen.“ „O ja, ich will geduldig warten. Der HEILAND kann ja noch lange kommen heute, wenn Er mein Leben will als Opfer für die Priester! Von jetzt ab will ich mich nicht mehr beklagen!“ Untertags stellte sie viele überraschende Fragen an die pflegenden Schwestern nach dem Himmel und kam wieder darauf zu sprechen, ob GOTT ihr Opfer heute annehmen werde.

Mittags verschlimmerte sich der Zustand noch mehr. Man ließ die Mutter rufen. Bertl sprach mir ihr über ernste Dinge, erkundigte sich nach ihrem kleinen Bruder und nach allen in der Familie. Als die Mutter gehen musste, ahnten beide den endgültigen Abschied.

Das Fieber stieg rasch, ein Herzanfall kam, neues Erbrechen. Aus der Kapelle hörte sie das Singen von der Andacht der Kinder. Bertl hoffte, dass der Priester nach dem Segen zu ihr kommen werde, doch er wurde sogleich zu einem Verunglückten gerufen, der im Sterben lag. Er kam gerade noch recht. Die stillen Opfer Bertls trugen für andere Frucht, während sie sich selbst verzehrte in Sehnsucht nach dem HEILAND. Doch dann kam der Priester, um den Kranken im Krankenzimmer den Blasiussegen zu spenden und anschließend Bertl die heilige Kommunion zu bringen.

Der Kaplan wusste nichts von all den Opfern Bertls für die Priester an diesem ihrem ersten Priestersamstag. Er trug den Leib CHRISTI ins Krankenzimmer, vor dessen offener Türe zahlreiche Schwestern knieten. Bertl betete allein das Confiteor und empfing nach dem „HERR, ich bin nicht würdig“ den HEILAND. Der Kaplan und die anwesenden Schwestern empfanden diese Kommunion besonders ergreifend und schön. Nach Minuten der Stille betete Bertl mit voller Stimme: „JESUS, bleib in meiner Seele.“ Sie empfing dann die heilige Krankensalbung und den Segen.

Mit leuchtendem Blick schaute sie zum Priester: „Herr Kaplan, vergelt’s GOTT für alles!“ Er versprach, am Morgen wiederzu­kommen und ihr die hl. Kommunion zu bringen, „wenn du noch lebst. Wenn du aber im Himmel bist, dann hast du ja GOTT für immer! Bertl, gelt, wenn du im Himmel bist, dann denkst du an uns alle, und bete auch, bitte, fest für mich!“ Sie versprach es laut und klar: „O ja, für Sie, für die Wieländer (die Bewohner des Wielandheims), für alle, für die Priester!“

Noch zwei Stunden lebte Bertl. Die Schwestern beteten leise. Dann bat sie, die Schwester Oberin zu holen. Die Züge der Kranken veränderten sich auffallend. Doch noch einige Zeit beteten die Schwestern am Sterbebett; eine stimmte „Segne Du Maria“ an, das Lieblingslied Bertls. Als das Lied zu Ende war, richtete sich das Mädchen plötzlich ein wenig auf, breitete die gefalteten Hände nach oben aus und schaute mit weit offenen Augen und strahlendem Gesicht nach einer bestimmten Stelle: „O Schwester Oberin, sehen sie dort: viele – viele...!“ Weitere Worte konnte man nicht verstehen. Bertl sank in die Kissen zurück, die Augen noch immer schauend.  Und während die Schwestern meinten, sie lebe noch, hatte GOTT ihre Seele schon heimgeführt. Die letzten Worte aber deutete man, dass sie den Erfolg ihres Opfers und Betens schon schauen durfte: „viele, viele“ (wohl Priester)!

Bertl Baumann wurde dann auf dem Bergfriedhof in Heidelberg beigesetzt. Der Kaplan erfuhr nun erst vom Brief des Berliner Paters, vom „Priestersamstag“ Bertls, von ihrem Opferwort: „Nimm mein Leben für die Priester!“ Er informierte den Redaktions-Pater vom gnadenvollen Opfer und Sterben Bertls. Und das Beispiel dieses Mädchens wurde weit herum bekannt.

 

Es ist schade, dass dieses heiligmäßige Kinderleben seither fast in Vergessenheit geraten ist. Dabei ist das Gebet um heilige Priester und neue Priesterberufungen heute fast noch drängender! Wenn einzelne Priester schlimme Sünden begangen haben, ist das ein großes Unrecht an den betroffenen Menschen und ein schwerer Schaden für die ganze heilige Kirche. Darum ist das Gebet vieler um heilige Priester unentbehrlich. Und ebenso die beharrliche und vertrauensvolle Bitte an den „Herrn des Weinbergs“, junge Männer zu Priestern zu berufen und ihnen zu helfen, diesen Ruf zu hören und zu beantworten. Wie auch die Bitte, Mädchen und Jungen den Ruf zum GOTTgeweihten Leben in einem Orden zu schenken. Ob die dreizehnjährige Bertl Baumann im Himmel nicht auch heute eine große Fürbitte­rin in diesen Anliegen sein könnte?!